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Zweimal Gold ist Anja Wicker noch lange nicht genug

Die 17-jährige Schülerin aus Stammheim triumphiert im Ski-Nordisch der Behinderten in Nesselwang

Stammheim. Anja Wicker aus Stammheim hat bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Ski-Nordisch der Behinderten zweimal Junioren-Gold gewonnen. Zufrieden ist sie damit aber noch lange nicht, auch weil ihr offensichtlich eine weitere Medaille verwehrt wurde.

Von Daniel Gläßer

"Alle drei Disziplinen gewinnen." Mit diesem Vorsatz war Anja Wicker zu ihren ersten internationalen deutschen Meisterschaften nach Nesselwang gefahren. Beinahe hätte sie ihr Ziel auch erreicht, doch die Organisatoren des Wettbewerbs machten ihr einen Strich durch die Rechnung.
Dabei hatte alles noch so gut angefangen: In der ersten Disziplin, dem Sprint über 900 Meter, benötigte die Stammheimerin knapp sechs Minuten bis zur Ziellinie - zwei Minuten und 15 Sekunden weniger als ihre Konkurrentin Kristina Roos aus Isny im Allgäu. Roos war übrigens die einzige Sportlerin, die mit Anja Wicker in der Altersklasse der Juniorinnen an den Start gegangen war. Konkurrenz, berichtet sie, sei im Wintersport der Behinderten von Grund auf rar gesät. Dies könne auch daran liegen, dass vielen behinderten Sportlern die hohe körperliche Belastung zu viel sei. "Denn wir treten natürlich nicht auf normalen Skiern an", erzählt die junge Wintersportlerin. "Wir sitzen in einem speziellen Liegeschlitten und bewegen uns nur mit Hilfe unserer Skistöcke fort." Immer und immer wieder müssen die Leistungssportler ihre Stöcke rechts und links des Schlittens kraftvoll in den Schnee rammen und ihr gesamtes Körpergewicht allein mit der reinen Armkraft nachziehen. "Dazu benötigt man schon eine ganze Menge Energie", bekräftigt Vater Volker Wicker. Er selbst habe sich bei einem Familienausflug schon einmal in einen Sitzschlitten gewagt und sei bei dieser Art der Fortbewegung sehr schnell an seine körperlichen Grenzen gestoßen.

An ihre Grenzen stößt Anja Wicker trotz ihrer Behinderung selten. Sie leidet an dem sogenannten kaudalen Regressionssyndrom, einer Krankheit, bei der der Lendenwirbelbereich nicht richtig ausgebildet wird und deshalb die Beine deutlich verkürzt sind. Für die 17-jährige Schülerin der Stuttgarter Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule gibt die Krankheit offensichtlich keinerlei Anlass, Trübsal zu blasen. "Ich sehe in meiner Krankheit eigentlich nur Vorteile", sagt die junge Frau selbstbewusst. Viele andere Rollstuhlfahrer habe sie auf den Lehrgängen des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) kennengelernt und dabei Freunde gefunden.

Verstecken braucht sich die bekennende Fußballanhängerin trotz ihrer geringen Körpergröße ohnehin vor niemandem. Auch am zweiten Wettkampftag der internationalen deutschen Meisterschaften in Nesselwang war Wicker der Konkurrenz stets einige Schlittenlängen voraus. Im Biathlon, der wohl anspruchsvollsten Disziplin jenes Wochenendes, kam sie mit ihrem Schlitten nach knapp 41 Minuten Laufzeit über die 6,5 Kilometer lange Rundstrecke und "einigen Fehlschüssen" ins Ziel. Ihre schlechte Trefferquote beim Schießen mit dem Luftgewehr blieb ungestraft. Zu flink präsentierte sich die Stammheimerin auf der hügeligen Piste, und so blieb ihrer Dauerkonkurrentin Kristina Roos trotz Überlegenheit am Schießstand wieder einmal nur der zweite Platz.

Mit einem Sieg in der dritten und letzten Disziplin, dem Langstreckenlauf, wollte die ehrgeizige Sportlerin einem bis dato rundum gelungenen Wochenende noch die Krone aufsetzen. "Ich war mir von vornherein eigentlich schon sicher, dass ich diesen Wettkampf gewinne", sagt sie. Als die Eltern ein paar Stunden später die Ergebnisliste des Skilanglaufs in den Händen gehalten haben, konnten sie es nicht ganz begreifen, was sich in der Zeit zwischen Start und Zieleinlauf zugetragen haben soll. "Platz 1: Kristina Roos, Laufzeit: 50:36 Minuten. Platz 2: Anja Wicker, Laufzeit: 75:00 Minuten", stand schwarz auf weiß auf dem Papier geschrieben. Die Zeiten stimmten anscheinend, "doch musste Anja statt der vorgesehenen 6,5 Kilometer die doppelte Strecke absolvieren", sagt Volker Wicker. Den DSB-Verantwortlichen war, vielleicht geblendet durch die durchweg reifen Leistungen der 17-Jährigen, ein herber Schnitzer unterlaufen. Das Organisationskomitee hatte die Juniorin als Erwachsene für den Langlauf eingetragen und somit die zu absolvierende Strecke kurzerhand verdoppelt. "Das ist schon ärgerlich, dass das Ganze ausgerechnet durch einen organisatorischen Fehler so laufen musste", meint ihre Mutter Ulrike. Gewonnen hätte ihre Tochter ansonsten auch diesen Wettkampf mit großem Vorsprung.

Aus dem dreifachen Titel ist zwar nichts geworden, das harte Training sei aber keineswegs umsonst gewesen, meint die ambitionierte Schülerin. Bis zu sechsmal die Woche setzt sie sich in ihr Handbike, einem Dreirad, welches im Liegen betätigt wird. Dazu kommt noch das Krafttraining.

Bereits im kommenden Jahr könnten diese Anstrengungen schon Gold wert sein, denn dann findet der Biathlon- und Langlauf-Weltcup in Freiburg statt. "Ich hoffe auf eine rechtzeitige Einladung zur Nationalmannschaft", sagt sie. Und das allergrößtes Ziel der Stammheimerin heißt Vancouver 2010. "Ich will bei den Paralympics für Deutschland starten", sagt Anja Wicker und strahlt.

Quelle: SN 2009